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Dienstag, 19. April 2016

salem im regen


der erzähler läßt diese geschichte mit den regentropfen auf die erde kommen, oder besser gesagt zwischen den regentropfen und in den regentropfen. jedesmal, wenn ihn ein tropfen trifft, erfährt er einen teil der geschichte.

gestern hat es also geregnet und er hat ein paar puzzleteile davon abbekommen, jetzt versucht er sie für sich zu übersetzen in eine sprache, die eine resonanz in seinem bewusstsein auslöst. in jedem tropfen wasser ist das wissen von all dem gespeichert, was dieser tropfen je berührt hat. so versucht der erzähler die erste schicht der geschichte aufzudecken, die erste schicht des ersten tropfens von einem regen, der gestern früh über wien gezogen ist.

ja, dieser tropfen hat auch salem berührt, wie der erzähler plötzlich bemerkt, er hat salem wütend angetroffen, als er gerade dabei war, einen platz zum schlafen zu suchen. und nun das, er konnte sich nicht einfach in die wiese legen und den grillen beim zirpen und den amseln beim singen zuhören. seine ganzen pläne wurden durch diesen regenguß zunichte gemacht, er mußte sich eine wasserdichte schlafstätte suchen. ein gasthaus, oder ein leeres haus.

er fühlte sich, als ob er nichts mehr unter kontrolle hat, die kontrolle über seine angst, menschen um hilfe zu bitten. "das wird superpeinlich, ich habe mich wochenlang nicht gewaschen und rasiert, ich bin auf einer reise an einen ort, den ich nicht kenne und ich habe beim sprechen wortfindungsstörungen" dachte er sich. aber schon kroch die nasse kälte in ihm hoch und die angst, krank zu werden war größer, als die angst, sich bloßzustellen und er sah vor sich die lichter einer kleinen ortschaft, wo er sein drama realisieren können wird.

die ortschaft war so klein, dass es keinen gasthof gab, es waren da nur bauernhöfe und ein haus mit pink beleuchteten fenstern. nachdem salem keine berührungsängste mit der farbe pink hatte, steuerte er auf das haus zu und läutete zweimal an der türklingel. ein neugieriges auge blickte durch den spion des fensters, starrte den späten besucher an und nach einer gefühlten ewigkeit ging die tür einen spalt auf um ihm mitzuteilen, dass es für bettler und haussierer keinen einlaß gibt. salem, der aufgehört hatte zu kämpfen, sah die person mit traurigen augen an. ihm fielen keine worte ein, er war naß, müde und frustriert. schon wollte er sich umdrehen, als von weiter hinten eine bekannte stimme ertönte: "salem, bist du das?"

 "gertrud, wie um himmels willen kommst du hierher?" salem hatte vor jahrzehnten mit dieser frau eine kurze affäre, die erinnerung traf ihn wie ein stromstoß. unerledigtes und ungesagtes schwappte an die oberfläche, was in seiner erinnerung auftauchte war ein bauchnabelpiercing, ein zungenpiercing, ein tattoo (obwohl er sich an das nicht wirklich erinnern konnte, aber es passte ins bild), eine nacht in dunkler zweisamkeit und die enthüllung, dass sie eigentlich an diesem abend mit jemand anderen zusammensein wollte, aber dieser jenige kein interesse an ihr hatte.

verschwörerisches lachen kam von gertruds seite, salem bekam jähe kopfschmerzen und konnte nur übers wetter reden, er interessierte sich nicht wirklich für sie, er war noch überforderter als zuvor. "kann ich diese nacht hier bleiben?" war das einzige, was er sagen konnte. er vergaß sogar zu atmen. gertrud war bemüht freundlich, hatte eine flasche bier in ihrer rechten hand, die linke fuhr durch ihre kurzen, schwarzen haare. sie war stark geschminkt, woran sich salem nicht erinnern konnte, dass sie das früher auch war.

"komm zu mir hoch", sagte sie. und dem pförtner bedeutete sie, dass es ok war, ihn reinzulassen. salem folgte gertrud die wendeltreppe in den dritten stock bis zur tür nummer 33. dort wohnte sie also. als er den raum betrat, ist nur ein bett und ein waschbecken drinnen, er hatte sich eine wohnung erwartet, nicht so ein nach parfum triefendes kapuff. gertrud legt verschwörerisch ihren linken arm um salem, aus ihrem mund schlägt ihm der duft nach bier und zigaretten entgegen. sie hat etwas mütterliches, fiel salem auf, hinter all diesen schichten aus nichtwissenwollen.

"hast du kinder?" frage salem sie."was geht dich das an?" antwortete sie schroff. salem hatte nächte von alpträumen hinter sich, wo kinder auftauchten, die von ihm waren, von frauen, die er nur einmal geliebt hatte. "hast du kinder?" wiederholte er seine frage in dem wissen, dass er bei ihr durch eine mauer des widerstandes durchdringen mußte. "nicht von dir und nicht von jemand anderem", kam ihre antwort, "ich bin eine künstlerin der verführung und mein weg in diese richtung hat mit dir begonnen". "ist es das, was du machst, verführen?" die rosa lichter machten für salem plötzlich sinn.

und doch nahm er an ihr immer nur dieses mütterlich nährende wesen wahr. "wieweit von sich selbst kann man weg sein?" fragte salem sich leise, wissend, dass er genau dort auch gewesen ist, in selbstauferlegter ignoranz. "warum treffe ich heute genau dich, weißt du wie unwahrscheinlich das ist?" "die realität ist eine kette an unwahrscheinlichkeiten, die real werden. wahrscheinlichkeiten sind eine mathematische verzerrung von tatsachen" antwortete gertrud. jetzt fiel ihm wieder ein, dass sie architektur studiert hatte, zu jener zeit.

"hat sich in den letzten jahrzehnten nichts geändert?", fragte sich salem. "nicht in mir, nicht in ihr und ist es das, was mir dieses zusammentreffen sagen will?" das geflecht aus salems gedanken wird dicht wie kuhscheiße und ihm durchfuhr ein singender schmerz in seiner linken gehirnhälfte. er griff sich auf den kopf, um ihn irgendwie vorm explodieren zu schützen.

es war zu spät, er schwankte, der boden unter seinen füßen gab nach und als er wieder aufwachte, lag er in gertruds bett. ihre verführungskünste haben gewirkt, sie haben salems gehirn in den überlastungsmodus versetzt. der rest war nur routine, sie suchte in seinen habseligkeiten nach etwas wertvollem und fand nichts, nur ein fläschchen mit einer weißlichen substanz, die sich am boden gegen das wasser abgesetzt hatte. "oida, wo is dei göd?" fluchte sie vor sich hin. sie fand nichts. alle verführung war umsonst gewesen. als salem aus seinem koma aufwachte, stand am spiegel über dem waschbecken in roten lippenstiftbuchstaben: "schleich di!"

salem wollte aufspringen, er konnte seine beine nicht bewegen. er wollte schreien, brachte aber kein wort über seine lippen. er konnte sich nicht schleichen, schon gar nicht davonrennen. seine hände wollten nach der weißen substanz greifen, sie reagierten nicht. sein körper hatte beschlossen, ihn rauszuschmeißen, so wie gertrud. er war hilfos, das gehen hatte sein ende gefunden. er war von der großzügigkeit einer frau abhängig, die ihn loswerden wollte.

gertrud beugte sich über salem, wollte ihn aufwecken, wußte nicht, dass er wach war. sie erschrack zu tode, glaubte er war gestorben. legte ihre hand auf sein herz, es schlug im rhythmus der stille. etwas neues begann in ihr aufzuwachen, eine neue möglichkeit. sie wußte, salem ist nicht in gefahr, es braucht keine doktoren und keine rettung. so blieb sie still neben ihm stehen, atmete den heiligen moment ein, der sie überkam.

die veränderung in gertrud wurde auch salem gewahr, so atmete auch er langsam tief ein und aus. er konnte nichts mehr denken und ein teil von ihm war froh darüber. waren nicht die gedanken das eigentliche gefängnis, schlimmer als sein paralytischer zustand? wie erholsam diese stille für ihn war nach dem drama der letzten stunden. das gefühl kam ihm seltsam bekannt vor, zu sein wo eigentlich nichts sein sollte. plötzlich überkam es ihn: das bin ich! ich bin. die realisation durcfuhr seinen körper wie eine flutwelle. er wußte, wo immer er war, er ist vorher schon dort. es ist kein zufall.

gertrud bemerkte die veränderung, die in salem vor sich ging. es schien ihr, als ob sein körper zu strahlen begann, wie ein wassertropfen im sonnenlicht. und sie wußte nicht warum, sie liebte diese veränderung und blieb die nächsten 4 stunden bei ihm, löschte ihren lippenstift vom spiegel und fühlte sich mit salem innig verbunden. sie legte sich zu ihm ins bett, eng angeschmiegt an den reglosen körper von salem  und schlief neben ihm ein.

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